Europe's fertilizer crisis: prices surge due to Iran war and dependence on Russia

Die Düngemittelkrise Europas: Preise steigen aufgrund des Iran-Krieges und der Abhängigkeit von Russland.

Winterweizen sollte jetzt die zweite Stickstoffgabe erhalten, Zuckerrüben warten auf die Aussaat und Raps wartet auf die letzte Düngergabe vor der Blüte. Der März ist eine extrem wichtige Zeit für die Landwirtschaft. Doch gerade jetzt geraten die Düngemittelmärkte unter Druck.

europas düngemittelkrise 2023

Winterweizen sollte jetzt die zweite Stickstoffgabe erhalten, Zuckerrüben warten auf die Aussaat und Raps wartet auf die letzte Düngergabe vor der Blüte. Der März ist eine extrem wichtige Zeit für die Landwirtschaft. Doch gerade jetzt geraten die Düngemittelmärkte unter Druck.

Seit den US-Angriffen auf den Iran Ende Februar ist die Straße von Hormus – die Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs, durch die rund ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels verläuft – blockiert. Wichtige Produzentenländer wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Katar können ihre Harnstoff- und Ammoniaklieferungen nicht wie geplant verschiffen.

Außerdem ist der Gaspreis stark gestiegen. Der europäische Gasreferenzpreis TTF (Title Transfer Facility) stieg innerhalb weniger Wochen von etwa 32 auf fast 52 Euro pro Megawattstunde. Das ist besonders relevant, da Erdgas rund 80 Prozent der Produktionskosten stickstoffhaltiger Mineraldünger ausmacht.

Die Düngemittelpreise steigen deutlich

Die Folgen sind auf dem Markt bereits sichtbar. In mehreren deutschen Bundesländern sind die Preise für wichtige Stickstoffdünger innerhalb weniger Wochen erheblich gestiegen. In Niedersachsen stieg der Preis für Calciumammoniumnitrat, einen der am weitesten verbreiteten Stickstoffdünger, innerhalb eines Monats um rund 15 Prozent. In Schleswig-Holstein kostete Harnstoff vor dem Krieg im Iran wesentlich weniger als heute.

Die Situation ist noch nicht mit den Extremwerten der Energiekrise 2022 vergleichbar, als Harnstoff manchmal mehr als 1.000 Euro pro Tonne kostete. Einzelhändler berichten, dass die Versorgung für die aktuelle Saison grundsätzlich gesichert ist. Das Problem liegt derzeit weniger in der Verfügbarkeit der Ware als in der Logistik: Händler und Spediteure kommen mit der Verarbeitung kaum hinterher.

„Man muss rechnen“

Dennoch trifft die Preiserhöhung viele Betriebe hart. Paul Henschke, der seinen Hof in Sachsen-Anhalt mit 80 Hektar nebenbei führt, konnte im Herbst nicht wie größere Betriebe seinen Bedarf auf Vorrat kaufen. Er muss jetzt zu den aktuellen Preisen bestellen – und merkt, wie eng die Kalkulation geworden ist.

„Harnstoff kostet derzeit netto 550 Euro pro Tonne, Kalkammonsalpeter etwa 370 Euro“, sagt er in einem Interview mit Euronews. Für seinen Hof rechnet sich das kaum: „Für 200 Kilo Calciumammoniumnitrat zahle ich schon 70 Euro pro Hektar – nur für die erste Düngergabe.“ Das enthält noch nicht das Kalidünger.

Gleichzeitig erhält Henschke aktuell nur 168 Euro pro Tonne für sein Futterweizen. Hinzu kommen steigende Transportkosten, die direkt im Düngerpreis landen. Da bleibt wenig Spielraum. „Man muss rechnen“, sagt er.

Henschke erwartet keine schnelle politische Reaktion. „Wir haben von der Agrarpolitik bisher wenig Bewegung gehört. Es läuft sehr schleppend“, sagt er. Er wartet nicht darauf, dass der Staat eingreift.

Wird es überhaupt noch Dünger geben, falls sich der Iran-Konflikt verschärft?

Dr. Willi Kremer-Schillings, bekannt als „Bauer Willi“, der seinen Ackerbauhof im Köln-Aachener Bucht mit rund 80 Prozent organischem Dünger wie Gülle und Gärresten betreibt, berichtet von einer ähnlichen Situation. Die gestiegenen Kosten machen sich auch dort bereits bemerkbar. Das Produkt selbst ist etwa 40 Prozent teurer geworden, sagt er – und zudem ist auch das Ausbringen teurer geworden.

europas düngemittelkrise 2023

Kremer-Schillings hatte die Voraussicht, seinen Mineraldünger im Herbst zu kaufen. Jetzt beschäftigt ihn jedoch eine grundlegendere Sorge: ob die Ware bei einer weiteren Eskalation überhaupt noch physisch verfügbar sein wird. Schon in der Corona-Zeit war das das entscheidende Problem – nicht nur der Preis, sondern die Verfügbarkeit.

Er erwartet auch keine Unterstützung. „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Staat nichts tun wird. Bisher haben sie fast immer nur ein Bein gestellt“, sagt Kremer-Schillings. Er denkt pragmatisch: „Wir sind Unternehmer – also machen wir was.“ Er hält es für unvermeidlich, dass sich die gestiegenen Kosten irgendwann im Supermarkt bemerkbar machen – wenn auch mit einer Verzögerung von zwei bis drei Monaten.

Russland ist der größte Düngemittellieferant der Welt

Die Turbulenzen durch den Iran-Krieg decken auch ein strukturelles Problem auf, das Europa seit Jahren mit sich herumträgt: seine anhaltende Abhängigkeit von Russland als Düngemittellieferant. Laut EU-Kommission kamen 2025 noch rund 22 Prozent der EU-Düngemittelimporte aus Russland – allein in der ersten Jahreshälfte im Wert von 1,3 Milliarden Euro. Russland exportierte 2025 insgesamt 45 Millionen Tonnen Dünger und ist damit der weltweit größte Lieferant.

Osteuropa abhängig von russischem Dünger

Osteuropäische Länder sind besonders abhängig. Polen – eines der größten Agrarländer in der EU – importierte jahrelang beträchtliche Mengen russischer Waren, trotz des heimischen Produzenten Grupa Azoty. Auch die Baltischen Staaten und Bulgarien deckten einen Teil ihres Bedarfs in Russland.

Aber auch Händler in Westeuropa greifen wieder verstärkt auf russische Alternativen zurück, wenn die Lieferungen aus Katar und anderen Golfstaaten stocken. Das treibt die Preise ebenfalls in die Höhe, teilweise weil auf russische und belarussische Dünger mittlerweile spezielle EU-Zölle angewendet werden.

Die EU erhebt diese Sonderabgaben auf russische und belarussische Dünger seit Juli 2025. Zusätzlich zum bestehenden Ad-valorem-Zoll von 6,5 Prozent gibt es einen gestaffelten Mengenzoll, der in den kommenden Jahren deutlich steigen soll. Gleichzeitig schlug die EU-Kommission im Februar 2026 vor, allgemeine Zölle bei anderen Ländern vorübergehend auszusetzen, um den Import von Alternativen aus Nordafrika und den USA zu erleichtern.

Tobias Goldschmidt (Grüne), Minister für Energiewende und Umwelt in Schleswig-Holstein, fordert daher Konsequenzen. Er sprach sich gegenüber der Deutschen Presseagentur für ein effektives europäisches Sanktionsregime ohne Hintertür aus. Dies würde die Abhängigkeit von Russland verringern und Europas Ernährungssouveränität stärken.

Deutsche Düngemittelfabriken abhängig von russischem Gas

Deutschland ist aber auch wegen der Folgen der Energiewende von Russland abhängig. Landwirt Henschke beschreibt das strukturelle Dilemma nüchtern: „Wir haben Düngemittelfabriken in Deutschland, aber sie werden einfach stillgelegt, weil sie ohne russisches Gas wirtschaftlich nicht mehr betrieben werden können.“ Zudem verkauft Russland seinen Dünger seit Jahren zu Preisen, mit denen europäische Hersteller einfach nicht konkurrieren können.

Als Euronews Martin May, Geschäftsführer des Industrieverbands Agrar (IVA), befragte, warnt er daher ausdrücklich vor der Gefahr, dass inländische Produktionsanlagen dauerhaft schließen – mit Konsequenzen nicht nur für die Versorgungssicherheit, sondern auch für den CO2-Fußabdruck, da europäische Hersteller nach deutlich strengeren Umwelt- und Klimastandards produzieren als ihre russischen Wettbewerber.

Viele Landwirte haben jedoch nicht das Privileg, zu hinterfragen, woher ihr Dünger stammt. Kremer-Schillings sagt offen: „Ich kaufe meinen Dünger bei der Genossenschaft und sie laden ihn auf meinen Anhänger. Ich weiß nicht, woher er kommt.“ Er vergleicht es mit Medikamenten: Wer fragt schon, ob seine Tablette aus Indien oder China kommt? Man braucht den Dünger genau dann, wenn die Felder ihn brauchen.

Inländische Düngemittelproduktion unter Druck

Für den IVA ist dies die eigentliche Lehre aus der Krise. „Eine starke inländische Düngemittelproduktion ist die Hauptstütze für Versorgungssicherheit und Preisstabilität“, sagt Geschäftsführer May. Allein deutsche Produktionsanlagen können einen großen Teil der inländischen Nachfrage nach mineralischen Düngemitteln decken.

Aus genau diesem Grund sorgt sich die Branche um politische Entscheidungen in Europa. May warnt, dass die geplante Aussetzung des CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM zentrale Rahmenbedingungen infrage stellt und die Zukunft der europäischen Produktion gefährdet.

Mehr als nur ein Preisschock

Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnt vor einer weiteren Dimension der Krise: dem möglichen Verlust von Schwefel und anderen Rohstoffen aus der Golfregion, die Nebenprodukte der Erdgasproduktion sind und für die Düngemittelherstellung wichtig sind. Sollte die Eskalation im Iran anhalten, hätte dies nicht nur Folgen für Europa. Die Ernährungssicherheit in Afrika und dem Nahen Osten könnte ebenfalls unter Druck geraten – mit potenziellen Auswirkungen auf Migration und regionale Stabilität.

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